Was macht eine starke Gemeinschaft aus? - Das Wir-Gefühl der Selbsthilfe
Wer wissen möchte, was die Selbsthilfe gemeinsam bewegt, schaut nach Hamburg. Unter dem Motto „Selbsthilfe: Motor und Halt in bewegten Zeiten – Wegmarken für eine gesunde Zukunft“ fand hier die diesjährige Selbsthilfe-Fachtagung der DAG SHG (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.) statt. Ein Ort, der Begegnungen von Aktiven in der Selbsthilfe schafft und an dem die Werte und Stärken der Selbsthilfe besonders sichtbar werden: Vielfalt, Offenheit, Wertschätzung und Akzeptanz. Wichtige Qualitäten, die gesellschaftspolitisch von so großer Bedeutung sind.
Neben einem vielseitigen Fachinput zieht sich eine zentrale Frage durch den Fachtag „Was macht eine starke Gemeinschaft aus?“ und auch weitergedacht „Wie lässt sie sich fördern?“. Das vereinende Wir-Gefühl, das an den Tagen stark zu spüren ist, zeigt sich nicht nur in den Austauschen, sondern auch im Hochhalten und Verteidigen der Grundwerte und Prinzipien der Selbsthilfe: Gemeinschaftliche Selbsthilfe ist zivilgesellschaftliches Engagement und gelebte Demokratie. Sie zeichnet sich durch die Vielfalt der Menschen aus, die sich mit Wertschätzung, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Toleranz begegnen und gegenseitig unterstützen.
Welche Rolle haben wir als Selbsthilfekontaktstelle im Kontext menschenfeindlicher Strömungen?
In der Selbsthilfe haben menschen- und demokratiefeindliche Strömungen keinen Platz. Und dass das klare Bekenntnis hierzu und der Widerstand gegen genau solche Strömungen auch in der Selbsthilfe wichtig sind, unterstreicht die 2024 durchgeführte Befragung der NAKOS. Die NAKOS hat untersucht, welche Erfahrungen Mitarbeitende von Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen mit Menschen- und Demokratiefeindlichkeit bereits gemacht haben. Erfragt wurden konkrete Erfahrungen der Mitarbeitende selbst und auch solche, die über Selbsthilfeaktive an sie herangetragen wurden. „Von den 140 teilnehmenden Einrichtungen berichteten 72 (51%) von Vorfällen mit Menschen- und Demokratiefeindlichkeit. 68 (49%) Einrichtungen gaben an, dass keine Vorfälle bekannt sind“ (NAKOS, 2024). Es wird deutlich: Rund jede zweite Person hat Erfahrungen mit Menschen- und Demokratiefeindlichkeit gemacht.
Um dem zu begegnen hat die DAG SHG 2025 Handlungsempfehlungen für Selbsthilfekontaktstellen erarbeitet. In „Vielfalt bewahren – Grenzen finden“ werden Fragen aufgegriffen, die zur Reflexion der eigenen Haltung und Rolle anstoßen. So zum Beispiel „Welche Rolle haben wir als Selbsthilfekontaktstelle im Kontext menschenfeindlicher Strömungen?“ und auch „Wo sind unsere Grenzen als Selbsthilfekontaktstelle?“ und „Wie sensibilisiere ich Kolleg*innen/ Mitarbeitende für das Thema?“. Und es werden konkrete Handlungsstrategien vorgestellt. Vier Bereiche bieten einen tieferen Einstieg und geben hilfreiche Impulse und Übungsbeispiele für die eigene Praxis: Gemeinsame Grundlagen schaffen z.B. durch die Erstellung eines klaren Leitbildes; Haltung entwickeln und wahren und das konkret durch die regelmäßige Reflexion; Gesprächsbereitschaft zeigen und Themen ansprechen durch gezieltes Nachfragen „Wie hast du das gemeint?“ und auch durch das Zeigen von Emotionen „Das macht mich betroffen“; Kompetenzen erwerben und austauschen durch professionelle Unterstützung und praxisorientierter Fortbildungen.
Nur durch eine klare Positionierung, eine starke Gemeinschaft und ein gelebtes Wir lassen sich die Werte der Selbsthilfe hochhalten und über die Selbsthilfe hinauszutragen.
Zum Weiterlesen:
DAG SHG e.V. (2025): Vielfalt bewahren - Grenzen finden: Vielfalt bewahren – Grenzen finden
NAKOS (2024): Menschen- und demokratiefeindliche Strömungen in der Selbsthilfe, Ergebnisse der NAKOS Befragung: NAKOS THEMA „Menschen- und demokratiefeindliche Strömungen in der Selbsthilfe“
DAG SHG e.V. (2024): Positionspapier Selbsthilfe ist Vielfalt: Selbsthilfe ist Vielfalt – Positionspapier
Dieser Artikel erschien erstmals in der Mitgliederzeitschrift SOZIAL des PARITÄTISCHEN Schleswig-Holstein.